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Grußwort von Frau Prof. Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann

Es war ein langer Weg zur Gleichstellung von Pfarrerinnen in den evangelischen Kirchen. Der Ergänzungsband zeigt nicht nur die rechlichen Wege, sondern dankenswerter Weise auch die persönlichen Geschichten und Gesichert, aber auch die weltweite Perspektive.

Dieser Weg begann mit Martin Luthers Tauftheologie. Jeder getaufte Mensch ist für ein Priester, Bischof, Papst. Die Taufe ist entscheidend, nicht soziale Stellung ode Geschlecht. Gewiss, Martin Luther selbst konnte sich wohl kaum vorstellen, dass Frauen Pfarrerin oder Bischöfin sind. Theologisch aber hat er dafür die Grundlagen gelegt. Und so ist heute geradezu Kennzeichen der Kirchen der Reformation, dass Frauen alle Ämter innehaben. Das gilt im Übrigen nicht nur für die ordinierten Ämter, sondern auch für die nicht-ordninierten. Synoden reformatiorischer Kirchen, die unsere Kirchen leiten, setzen sich selbstverständlich zusammen aus Ordinierten und Laien, Männern und Frauen, Jungen und Alten. Die Taufe ist entscheidend für ihr Amt. Das können wir im Reformationsjubiläumsjahr 2017 in der Tat feiern.

Der Weg zur Frauenordination war lang und steinig, auch das zeigt der Gleichstellungsatlas. Ich selbst begann mein Theologiestudium 1977 und war zuvor nie einer Pfarrerin begegnet. Heute ist es in Deutschland in den Gemeinden selbstverständlich, dass das Amt von einem Mann oder einer Frau wahrgenommen werden kann. Aber wie viele Debatten über biblische Wegweisung habe ich bis dahin erlebt: Waren es nicht nur zwölf Männer beim letzten Abendmahl? Sollte laut Paulus das Weib nicht schweigen in der Gemeinde? Die Exegese hat am Ende überzeugend dargestellt, dass Jesus nicht als Zeuge gegen die Frauenordination angeführt werden kann, zumal der Auferstandene zuallererst Frauen in die Verkündung gerufen hat. Und dass Junia Apostelin war, die irgendwann zu Junias umfunktioniert wurde, ist inzwischen auch anerkannt.

Interessant war für mich immer wieder, wie sehr nicht-theologische Faktoren eine Rolle spielten. Wurden Frauen in Deutschland die Ordinationsrechte bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts entzogen, wenn sie heirateten, so durften in Sambia Frauen die Ordinationsrechte erst erteilt werden, wenn sie verheiratet waren. Warum wohl? Welche Rollenbilder, welche Bilder von Sexualität haben dabei mitgewirkt!

Die Frauen in der Kirche sind einen langen, steinigen Weg gegangen. Wenn die lettische lutherische Kirche kurz vor dem Reformationsjubiläum die Frauenordination wieder abschafft, stellt sie sich meines Erachtens gegen die Theologie des Reformators, nach dem sie sich benennt. Das ist tragisch, zeigt aber, wie wichtig es ist, klar zu sagen, dass die Repräsentation von Frauen in allen Ämtern Kennzeichen einer Kirche ist, die sich reformatorisch nennen will.

Mir liegt sehr daran, die Vielfalt der Ämter zu sehen. Es gibt letzten Endes nach reformatorischer theologischer Überzeugung keine Hierarchie zwischen ordiniert und nicht ordiniert, zwischen Männern und Frauen. Das umzusetzen in gelebte Praxis, fällt immer wieder schwer. Gerade in der Mediengesellschaft von heute wird DAS markante Gesicht gesucht. Letzten Endes ist aber eine partizipatorische Leitung der Kirche typisch evangelisch. Wenn sie gelingt, sehe ich die Reformation lebendig am Wirken. Und dass die Kirche der Reformation sich ständig erneuern muss, wussten schon die Reformatorinnen und Reformatoren des 16. Jahrhunderts.

Prof. Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann

Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017