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Die An­fän­ge der Fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gie in den 70er und frü­hen 80er Jahren

© Karin Nitz

 

Eli­sa­beth Cady Stan­ton war ihrer Zeit er­heb­lich vor­aus. Erst ein Drei­vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter such­ten Frau­en sich ihre Ge­schich­te er­neut an­zu­eig­nen, such­te die Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie der Ge­schich­te die Frau­en und den Frau­en die Ge­schich­te wie­der­zu­ge­ben. Theo­lo­gin­nen be­ga­ben sich auf Spu­ren­su­che nach dem Weib­li­chen in der Bibel, in der Kir­chen­ge­schich­te, in den un­ter­schied­li­chen Kul­tu­ren un­se­rer Welt.

2.1. Von der Wie­der­ent­de­ckung bi­bli­scher Frau­en­gestal­ten zur „Her­me­neu­tik des Ver­dachts“

In den 70er Jah­ren be­gan­nen Frau­en also damit, sich die christ­li­chen Tra­di­tio­nen er­neut an­zu­eig­nen, die Ihnen als Frau­en wich­tig schie­nen. Frau­en in der Bibel, Frau­en in der frü­hen Kir­che, Frau­en in der Kir­chen­ge­schich­te wur­den zum Thema ge­macht. Mir­jam, Maria von Mag­da­la oder Hil­de­gard von Bin­gen wur­den zu Vor­bil­dern und er­mu­tig­ten dazu, Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit in der Kir­che ein­zu­for­dern. Es blieb je­doch nicht dabei, sich auf die Texte zu kon­zen­trie­ren, in denen Frau­en vor­ka­men. Viel­mehr ent­wi­ckel­te sich eine be­son­de­re Art und Weise bi­bli­sche Texte zu ver­ste­hen.

Der Le­se­schlüs­sel, die Her­me­neu­tik, war und ist bis heute ein we­sent­li­cher Un­ter­schied zur tra­di­tio­nell, männ­li­chen Les­art bi­bli­scher Texte. Das Buch „In Me­mo­ry of her“, deutsch „Zu ihrem Ge­dächt­nis“, er­schie­nen 1983, der ka­tho­lisch, fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gin Eli­sa­beth Schüs­s­ler-Fio­ren­za ist ein Schlüs­sel­werk fe­mi­nis­ti­scher Bi­bel­aus­le­gung. Ihr An­satz wird „Her­me­neu­tik des Ver­dachts“ ge­nannt.

Aus­gangs­punkt ist die Ver­mu­tung, dass die meis­ten Texte pa­tri­ar­chal sind und ge­ra­de Texte, die frau­en­feind­lich sind, viele In­for­ma­tio­nen über die so­zia­le Si­tua­ti­on von Frau­en ent­hal­ten. Sie gilt es im In­ter­es­se der Be­frei­ung von Frau­en zu heben. Schüs­s­ler-Fio­ren­z­as An­satz un­ter­schei­det sich von der Woman’s bible gra­vie­rend, weil sie nicht ein­zel­ne Bi­bel­stel­len, in denen es ex­pli­zit um Frau­en geht, se­lek­tiv aus­wählt, son­dern ein Ver­fah­ren ent­wi­ckelt, das sie auf den ge­sam­ten Text­be­stand an­wen­det. Sie ken­nen alle den är­ger­li­chen Satz aus den Pau­lus­brie­fen: „Das Weib schwei­ge in der Ge­mein­de.“

Schüs­s­ler-Fio­ren­za liest ihn als Hin­weis, dass es in den frü­hen Ge­mein­den Frau­en ge­ge­ben hat, die ge­ra­de nicht ge­schwie­gen haben. Sonst wäre der Ver­such, ihnen das Reden zu ver­bie­ten, nicht not­wen­dig. Eine Aus­le­gung kann sich be­wusst gegen den Sinn und In­halt der bi­bli­schen Texte wen­den, ja muss dies sogar, wo die Texte pa­tri­ar­cha­le Struk­tu­ren recht­fer­ti­gen. Damit wer­den Be­frei­ungs­er­fah­run­gen von Frau­en zum Aus­gangs­punkt und zum Be­ur­tei­lungs­kri­te­ri­um für die Aus­le­gung bi­bli­scher Schrif­ten ge­macht.

Eine ob­jek­ti­ve, ein­deu­ti­ge Aus­le­gung von Tex­ten, die eine rich­ti­ge Aus­le­gung, kann es da­nach nicht geben. Dazu sind die Er­fah­run­gen von Frau­en zu un­ter­schied­lich. Die Dänin Lone Fatum be­zwei­felt, dass es über­haupt frau­en­freund­li­che Texte in der Bibel gibt. Viele der Müt­ter der fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gie hal­ten den­noch an der Bibel als In­spi­ra­ti­ons­quel­le fest. Sie gehen je­doch mit ihr be­wusst kri­tisch um. Luise Schot­t­roff kann sagen, dass es „gute“ Stel­len in der Bibel gibt wie zum Bei­spiel das alte Tauf­be­kennt­nis im Ga­la­ter­brief: „Da ist nicht Jude noch Grie­che, nicht Frei­er noch Skla­ve, nicht männ­lich und weib­lich, denn wir sind all­zu­mal eins in Chris­tus.“

Keine Bi­bel­stel­le soll­te je­doch ohne die Be­ach­tung der da­ma­li­gen Pra­xis der Men­schen und der ge­sell­schaft­li­chen Kon­tex­te also als „zeit­los“ gül­tig ge­le­sen wer­den. Ein sol­cher In­ter­pre­ta­ti­ons­an­satz wen­det sich gegen alle, die be­haup­ten, sie könn­ten ihre ei­ge­nen sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen wie zum Bei­spiel kul­tu­rel­le Prä­gun­gen, Macht­in­ter­es­sen, Er­fah­run­gen usw. aus­blen­den, um dann die reine Aus­sa­ge­ab­sicht eines Tex­tes zu be­stim­men und zu er­läu­tern. Auch wird jeder Mög­lich­keit einer ver­bind­li­chen, an­geb­lich wort­ge­treu­en Nor­ma­ti­vi­tät ent­ge­gen­ge­tre­ten, wie sie fun­da­men­ta­lis­ti­sche Krei­se so oft prak­ti­zie­ren. Ich meine jene Art und Weise aus bi­bli­schen Tex­ten die Verse her­aus­zu­su­chen, die ich zur Recht­fer­ti­gung mei­ner per­sön­li­chen Sicht­wei­se brau­che.

Einen red­li­chen Um­gang in der Art und Weise, wie wir mit bi­bli­schen Tex­ten um­ge­hen zu prak­ti­zie­ren, indem wir ei­ge­ne In­ter­es­sen und Ab­sich­ten offen legen, ist eine wich­ti­ge, blei­ben­de Auf­ga­be, auf die uns die Ar­bei­ten der fe­mi­nis­ti­schen Theo­lo­gin­nen in der Tra­di­ti­on von Schüs­s­ler-Fio­ren­za mit­ge­ben. Dies gilt auch für Män­ner.

2.2. GOTT ein Mann oder eine Frau? Sys­te­ma­tisch-theo­lo­gi­sche Kon­tro­ver­sen

Für große De­bat­ten sorg­te Mary Daly. Ihr schon 1973 er­schie­ne­nes Buch „Jen­seits von Gott­va­ter, Sohn & Co“ be­fasst sich mit der männ­li­chen Spra­che in der in der Regel von Gott ge­re­det wird. Sie stellt fest: „So­lan­ge Gott ein Mann ist, ist das Männ­li­che Gott.“ Als Kon­se­quenz zieht sie aus den christ­lich tra­di­tio­nel­len Denk- und Sprach­ge­bäu­den aus und löst sich in der Folge ganz vom Chris­ten­tum. Auch die Frau­en, die sich in der Göt­tin­nen­be­we­gung zu­sam­men fin­den, haben sich vom Chris­ten­tum ge­löst. Sie be­zie­hen sich auf Er­kennt­nis­se der Ma­tri­ar­chats­for­schung und be­schrei­ben im Bild der gro­ßen Mut­ter ihre Got­tes­vor­stel­lung.

Zy­kli­sches Den­ken und Na­tur­ele­men­te wie die Feier von Jah­res­zei­ten­ri­tua­len be­stim­men diese Rich­tung. Sie zeigt, wie sehr das Weib­li­che im Got­tes­bild von vie­len Frau­en ver­misst wird. Die Ma­ri­en­ver­eh­rung in der ka­tho­li­schen Kir­che bringt ein Stück Weib­lich­keit in die spi­ri­tu­el­le Pra­xis. In der pro­tes­tan­ti­schen Kir­che hat Maria nicht diese große Be­deu­tung. Den­noch lässt sich die Sehn­sucht vie­ler Frau­en nach weib­li­chen Bil­dern für Gott er­spü­ren. Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gin­nen haben daher weib­li­che Got­tes­bil­der, die es in der Bibel durch­aus gibt, auf­ge­grif­fen und in ihren lit­ur­gi­schen Ent­wür­fen in­te­griert.

Ein Bei­spiel ist Jes 66,13, wo Gott als Ad­ler­mut­ter be­schrie­ben wird, die sich um ihre Jun­gen küm­mert. Sy­the­ma­tisch-theo­lo­gisch wurde die Weib­lich­keit des Hei­li­gen Geis­tes her­aus­ge­ar­bei­tet. Das he­bräi­sche Wort ruach, das mit Geist, Geist­kraft, Wind­hauch oder Atem über­setzt wer­den kann, ist vom Genus her weib­lich. „Die Geist­kraft schwebt über dem Was­ser“, heißt es in der Schöp­fungs­ge­schich­te. Die ruach wird mit So­phia, der Frau Weis­heit iden­ti­fi­ziert, die mit Gott vor der Zeit die Welt schuf. Sie spielt mit Gott auf dem Er­den­rund. Die Frage nach einer ad­äqua­ten, ge­schlech­ter­ge­rech­ten Rede von Gott be­schäf­tigt uns bis heute. Weib­li­che Got­tes­bil­der den männ­li­chen Bil­dern zur Seite zu stel­len, be­wirkt, dass die ein­sei­ti­ge Fest­le­gung auf männ­li­che Got­tes­bil­der auf­ge­bro­chen wird. „Gott bin ich und nicht Kriegs­mann“, lesen wir schon beim Pro­phe­ten Hosea.

Doch ist damit noch nicht das Pro­blem einer an­thro­po­mor­phen Got­tes­vor­stel­lung ge­löst. Gott ist weder Mann, noch Frau. „Gott ist der ganz An­de­re“, sagt Karl Barth und spricht von der un­mög­li­chen Mög­lich­keit von Gott zu reden. Zu­gleich weiß er, dass wir es mit den Mög­lich­kei­ten mensch­li­cher Spra­che tun müs­sen, um über­haupt in einen Dia­log, ein Gebet mit Gott ein­tre­ten zu kön­nen. Car­ter Heyward hat Gott als “Macht in Be­zie­hung“ be­zeich­net. GOTT ge­schieht im zwi­schen­mensch­li­chen Han­deln, er­eig­net sich wo Be­zie­hun­gen ge­lin­gen. So at­trak­tiv diese Vor­stel­lung ge­ra­de auch im Blick auf die Hei­lungs­ge­schich­ten Jesu ist, birgt sie doch das Pro­blem, dass Gott als per­so­na­les Ge­gen­über auf­ge­ge­ben wird.

Die Bibel in ge­rech­ter Spra­che sucht das Pro­blem zu lösen, indem sie ver­schie­dens­te Got­tes­na­men an den Stel­len an­bie­tet, an denen im Bi­bel­text der Got­tes­na­me, die Kon­so­nan­ten „JHWH“ ste­hen oder wo „Ado­nai“, das Gott vor­be­hal­te­ne Er­satz­wort für den Ei­gen­na­men Got­tes steht. Ado­nai wurde von Lu­ther und an­de­ren mit „Herr“ über­setzt. Dies wird dem he­bräi­schen Wort je­doch nicht ge­recht, da die Be­zeich­nung für kei­nen Mann be­nutzt wurde. Herr Mül­ler würde nie „ado­nai“ ge­nannt wer­den.

2.3. Die fe­mi­nis­tisch theo­lo­gi­sche Neuan­eig­nung von theo­lo­gi­schen Grund­be­grif­fen: „Sünde“

Die zuvor er­ör­ter­te Frage nach Gott und dem Got­tes­bild be­rührt den Kern klas­si­scher Dog­ma­tik. Sie ist ein Bei­spiel für die Aus­ein­an­der­set­zung mit den zen­tra­len The­men christ­li­cher Tra­di­ti­ons- und Dog­men­ge­schich­te, die die fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie in den spä­ten 70er und 80er Jah­ren kenn­zeich­ne­te. Auch mit an­de­ren grund­le­gen­den Fra­gen wie der Chris­to­lo­gie, der Lehre von Chris­tus, der Ek­kle­sio­lo­gie, der Lehre von der Kir­che, und der Pneu­ma­to­lo­gie, der Lehre vom Hei­li­gen Geist be­schäf­tig­ten sich fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gin­nen. Zum Teil galt es, Jahr­hun­der­te alten Bal­last zu über­win­den, um für Frau­en be­frei­en­de Neu­deu­tun­gen zu er­öff­nen.

Ein Bei­spiel dafür ist das Sün­den­ver­ständ­nis. „Durch eine Frau kam die Sünde in die Welt“, lau­tet ein Satz des Kir­chen­va­ters Mar­ci­on. Er lei­te­te dies aus der Pa­ra­dies­ge­schich­te ab, in der Eva das Gebot Got­tes über­tre­ten habe und als Mut­ter alles Le­ben­di­gen mit der Ge­burt die Sün­den­ver­fal­len­heit an alle Nach­kom­men wei­ter­ge­ge­ben habe. Das wurde zum Kern­ge­dan­ken der Erb­sün­den­leh­re und eine Be­grün­dung für die De­gra­die­rung von Frau­en. Die sün­di­ge Eva und die reine Maria wur­den zu Frau­en­ty­po­lo­gi­en, die gegen eine lust­voll ge­leb­te, weib­li­che Se­xua­li­tät und das Selbst­be­stim­mungs­recht von Frau­en ein­ge­setzt wur­den.

Fe­mi­nis­ti­sche Ex­ege­tin­nen haben sehr deut­lich ge­macht, dass in der Pa­ra­dies­ge­schich­te der Be­griff „Sünde“ gar nicht steht, son­dern erst in der Ge­schich­te von Kain und Abel ex­pli­zit vor­kommt. Der Tod­schlag wird als Sünde be­zeich­net. Mar­tin Lu­ther de­fi­niert Sünde als das um sich selbst Krei­sen, den in sich selbst ver­krümm­ten Men­schen („in­cur­vatus in seip­sum“), der die Got­tes­be­zie­hung ver­liert, weil er selbst wie Gott sein will. Fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gin­nen haben daran kri­ti­siert, dass dies eine sehr männ­li­che Be­schrei­bung des­sen sei, was Men­schen schuld­haft tun. Sünde von Frau­en be­stün­de oft eher darin, die ei­ge­nen Ta­len­te nicht zu nut­zen, sich zu­rück­zu­neh­men für an­de­re und die Gaben Got­tes ver­küm­mern zu las­sen. An die­sem Bei­spiel wird deut­lich, dass fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gie die Le­bens­wirk­lich­keit von Frau­en be­rück­sich­tigt und im Blick hat. Wie ak­tu­ell diese Wahr­neh­mung immer noch ist, zei­gen Un­ter­su­chun­gen wo­nach Frau­en, in Ver­hand­lun­gen um die Höhe von Ge­häl­tern in der Regel we­ni­ger for­dern, als ihre gleich qua­li­fi­zier­ten männ­li­chen Kol­le­gen.

Auch wenn es um Lei­tungs­po­si­tio­nen geht, nei­gen Män­ner eher dazu sich zu über­schät­zen, wäh­rend Frau­en eher an sich und ihren Qua­li­tä­ten zwei­feln, auch wenn diese vor­han­den sind. Mög­li­cher­wei­se hat dies mit der jahr­hun­der­te­lan­gen Ver­drän­gung von Frau­en aus Lei­tungs­po­si­tio­nen zu tun. Wahr­zu­neh­men, dass ei­ni­ge Frau­en den­noch in all den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten her­aus­ra­gen­de Po­si­tio­nen aus­füll­ten, kann Frau­en heute ein Vor­bild sein und sie er­mu­ti­gen, Ver­ant­wor­tung in Kir­che und Ge­sell­schaft zu über­neh­men.